· 

Der jüdische Kalender

Im hebräischen Denken wird Zeit als eine aufsteigende Spirale mit wiederkehrenden Zyklen angesehen, die eine thematische Botschaft und Offenbarung Gottes darstellt. Als Volk Gottes gehört es dazu, sich dieser göttlich geordneten Zeitspirale bewusst zu sein und sich Gottes Zeitplan entsprechend anzupassen und zu ordnen.

 

Der jüdische Kalender erhielt seine heutige Form vor mehr als 1600 Jahren. Bis 359 n.Chr. amtierte in Jerusalem der Sanhedrin als oberstes Rechtsorgan des jüdischen Lebens (Hohe Rat oder Oberste Gerichtshof des antiken jüdischen Staates. Der Begriff "Sanhedrin" leitet sich vom griechischen "synedrion" ab, was "Versammlung" heißt). Im Sanhedrin, zu dem ein besonderer Kalenderrat gehörte, genannt "Sod ha'ibur" (wörtlich: "Das Geheimnis der Einfügung in den Kalender"), wurde darüber entschieden, wann man ein Schaltjahr einfügte und ob die Monate Marcheschwan und Kislew 29 oder 30 Tage lang sein sollten.

Die Einfügung von zusätzlichen Tagen oder Monaten in den Kalender war nötig, um den Mond- und Sonnenkalender zu harmonisieren. Da der jüdische Kalender ein Mondkalender mit 354 Tagen im Jahr und der zivile Kalender ein Sonnenkalender mit annähernd 365 Tagen war, entstand jährlich eine Differenz von 11 Tagen. Auf diese Weise wird auch der Mondkalender mit dem Sonnenzyklus der landwirtschaftlichen Jahreszeiten synchronisiert.

Der Kalenderrat des Sanhedrin sollte unter seinem Vorsitzenden, dem Patriarchen und jüdischen Gelehrten Hillel II., die beiden Kalender angleichen, und zwar aus dem Grund, weil die jüdischen Feste auf dem Sonnenzyklus basierten und ,"zu den ihnen bestimmten Zeitpunkten" (3Mo 23,4), wie es in der Bibel hieß, gefeiert werden sollten.

Pessach zum Beispiel sollte im Frühling begangen werden. Wenn man den Kalender nicht angepasst hätte, wäre das biblische Gebot, das Fest in dieser Jahreszeit zu feiern, übertreten worden, da Pessach durch die jährliche, elftägige Verschiebung nach kurzer Zeit in die Wintermonate gefallen wäre.

Die elftägige Differenz zwischen dem jüdischen und dem zivilen Kalender wurde ausgeglichen, indem man alle zwei oder drei Jahre einen zusätzlichen Monat (Adar II/ Adar Beth) einschob (in 19 Jahren siebenmal). Außerdem wurde jedes Jahr in den Monaten Marcheschwan und Kislew ein Tag hinzugefügt oder weggenommen, je nach Bedarf. Das waren die "Schaltmonate": in manchen Jahren hatten sie 29, in anderen 30 Tage.

Die genaue Berechnung des Kalenders blieb ein sorgfältig gehütetes Geheimnis des Sanhedrin. Das war eines der Mittel, mit denen sich der Sanhedrin seine Macht bewahren konnte, was ihm bis 359 n.Chr. gelang; danach verblasste sie, und die jüdische Gemeinde in Babylon (wo auch der Babylonische Talmud zusammengestellt wurde) gewann die Oberhand.

Bis zum Jahre 359 n.Chr. wurde die Ankunft des neuen Mondes jeden Monat vom Sanhedrin verkündet; er stützte sich dabei auf zwei Augenzeugen, die dem Sanhedrin Bericht erstatteten; sie wurden ausführlich über die Sichel des neuen Mondes befragt, die sie beobachtet hatten. War der Sanhedrin überzeugt, dass die Zeugen ehrlich waren und die Wahrheit sagten, prüfte er selbst nach, indem er die Aussagen mit seinen eigenen (geheimen) Berechnungen verglich, die im voraus auf der Grundlage von mathematischen und astrologischen Kenntnissen aufgestellt worden waren. Wenn alles übereinstimmte, sandte der Sanhedrin Signale aus, indem er Fackeln von einem Berggipfel zum nächsten anzündete und so sämtlichen Gemeinden verkündete, dass der neue Mond offiziell gesehen worden war. Später beschloss der Sanhedrin, die Nachricht durch Boten und nicht mehr durch Fackeln zu übermitteln, weil Störenfriede falsche Lichtsignale aussandten, um die übermittelten Botschaften unkenntlich zu machen.

Als die herrschenden Römer begannen, dem Vorsitzenden und seiner Versammlung einen Teil der Freiheit zu entziehen, über die sie seit einigen Jahrhunderten verfügten, und die Lage für die jüdische Gemeinde ganz allgemein schwerer wurde, beschloss Hillel II., den Kalender zu veröffentlichen und ihn an alle Gemeinden auszuteilen. So wurden die offiziellen Tage für Rosch Chodesch (Monatsanfang) und alle jüdischen Feste festgelegt; Zeugenaussagen brauchte man nicht mehr.

Die Grundregel lautete, dass der Mondzyklus über einen Zeitraum von 19 Jahren geht. Wir hätten also 18 Jahre mit 354 Tagen zu multiplizieren, das ergäbe 6.726 Tage. Wohingegen das entsprechende Sonnenjahr (19 mal 365 Tage) 6.935 Tage hat. Daraus entsteht nach jeweils 19 Jahren eine Diskrepanz von 209 Tagen, die durch die Hinzufügung eines 30‐tägigen Monats nach dem 3., dem 8., 11., 14., 17. und 19. Jahr eines solchen Zyklus "korrigiert" wird.

Wichtige Angaben zum Kalender
Im Gregorianischen Kalender beginnt der Tag um Mitternacht und dauert vierundzwanzig Stunden. Im jüdischen Kalender beginnt und endet der Tag mit Sonnenuntergang. So gilt jemand, der am Dienstag, den 1. Januar 2019, abends um 21:00Uhr nach Einbruch der Nacht auf die Welt gekommen ist, nach dem jüdischen Kalender als am Mittwoch, den 2. Januar, geboren. Sein jüdischer Geburtstag ist Mittwoch, der 24. Tebet 5779, was dem 2. Januar 2019 entspricht. Ebenso gilt jemand, der Dienstagabend, den 1. Januar 2019, gestorben ist, als am Mittwoch, 24. Tebet 5779 verstorben. In den folgenden Jahren muss die Jahrzeit (der Todestag) dieses Menschen immer zum jüdischen Datum begangen werden: am 24. Tebet.

Im jüdischen Kalender haben folgende Monate immer 29 Tage: Ijjar/Siv, Tammuz, Elul, Tebet, Adar. 30 Tage haben die Monate: Nissan/Abib, Siwan, Ab, Tischri, Schebat.

Cheschwan/Bul, manchmal Marcheschwan genannt (mar heißt "bitter"), weil kein jüdisches Fest in diesen Monat fällt, und Kislew sind "Schaltmonate"; sie können 29 oder 30 Tage haben, je nach den Erfordernissen einer etwaigen Anpassung.

In einem Schaltjahr wird ein zweiter Adar (Adar II/ Adar Beth) eingefügt, so das dieses Jahr dann dreizehn Monate aufweist.

Hervorzuheben ist, dass die israelischen Juden sich bei allen biblischen Festen an die in der Bibel vorgegebene Zahl der Festtage halten, während in der Diaspora nur die reformierten und einige konservative Gemeinden dieser Vorgabe folgen. Die meisten konservativen und alle orthodoxen Gemeinden der Diaspora feiern Pessach, Schawuot und Sukkot wegen der ursprünglichen Ungewißheiten des Kalenders einen Tag länger.


Gottes Segen Euch allen!

1. Thessalonicher 5,23
"Er selbst aber, der Gott des Friedens, heilige euch völlig; und  vollständig möge euer Geist und Seele und Leib untadelig bewahrt werden bei der Ankunft unseres Herrn Jesus Christus!"

Amen