Gibt es heute noch Apostel und Propheten?


Epheser 4,11-13

„11 Und er hat die einen als Apostel eingesetzt, andere als Propheten, andere als Evangelisten, andere als Hirten und Lehrer, 12 zur Zurüstung der Heiligen für das Werk des Dienstes, für den Aufbau des Leibes des Christus, 13 bis wir alle zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes gelangen, zur vollkommenen Mannesreife, zum Maß der vollen Größe des Christus.“


Ja, es gibt auch heute noch apostolische und prophetische Dienste in der Gemeinde Jesu. Epheser 4,11-13 nennt Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrer als Gaben des erhöhten Christus zur Zurüstung der Heiligen, bis der Leib Christi zur Einheit und Reife gelangt. Allerdings muss klar unterschieden werden: Es gibt heute keine Apostel und Propheten mehr, die neue biblische Offenbarung mit der Autorität der ursprünglichen Fundament-Apostel geben. Jede heutige apostolische oder prophetische Ausübung steht unter der Autorität der Heiligen Schrift und muss geprüft werden.

 

Die biblische Grundlage

Die wichtigste Stelle ist Epheser 4,11-13: Christus hat „etliche als Apostel gegeben, etliche als Propheten, etliche als Evangelisten, etliche als Hirten und Lehrer“, damit die Heiligen zugerüstet und der Leib Christi erbaut wird, „bis wir alle hingelangen zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes“ (Eph 4,11-13).

 

Das Hauptargument ist einfach: Wenn Evangelisten, Hirten und Lehrer heute noch nötig sind, weil die Gemeinde noch zugerüstet, erbaut und zur Reife geführt werden muss, dann gibt der Text selbst keinen klaren Grund, ausgerechnet Apostel und Propheten aus dieser Liste herauszunehmen. Paulus nennt alle fünf Dienste in einem Zusammenhang, mit einem gemeinsamen Ziel und einer gemeinsamen Dauer: bis der Leib Christi zur Reife gelangt.

 

Gleichzeitig steht in Epheser 2,20, dass die Gemeinde „auf der Grundlage der Apostel und Propheten“ auferbaut ist, während Christus selbst der Eckstein ist. Diese Stelle zeigt die einzigartige Fundamentfunktion der neutestamentlichen Apostel und Propheten. Durch sie wurde die Offenbarung des Evangeliums und des Geheimnisses Christi grundlegend gegeben (Eph 3,4-5). Dieses Fundament ist gelegt und wird nicht immer wieder neu gelegt. Doch daraus folgt nicht automatisch, dass es keinerlei apostolische oder prophetische Dienste mehr geben kann. Es bedeutet vielmehr: Kein heutiger Apostel und kein heutiger Prophet darf eine neue Grundlage legen oder der Schrift etwas Gleichrangiges hinzufügen.

 

Einordnung in den biblischen Zusammenhang

Ein großer Teil der Verwirrung entsteht, weil das Wort „Apostel“ unterschiedlich gebraucht wird. Im engsten Sinn meint es die einzigartigen Apostel Christi, besonders die Zwölf und Paulus. Sie hatten eine einmalige heilsgeschichtliche Autorität, waren Zeugen des auferstandenen Herrn und trugen entscheidend zur Grundlegung der Gemeinde und zur neutestamentlichen Offenbarung bei. In diesem Sinn gibt es heute keine Apostel mehr.

 

Im weiteren Sinn bedeutet „Apostel“ jedoch „Gesandter“. Das Neue Testament verwendet den Begriff nicht nur für die Zwölf. Auch Barnabas wird zusammen mit Paulus Apostel genannt (Apg 14,14). Jakobus, der Bruder des Herrn, wird in Galater 1,19 in einem apostolischen Zusammenhang erwähnt. In 2. Korinther 8,23 ist von „Gesandten der Gemeinden“ die Rede, wörtlich „apostoloi“ der Gemeinden. Das zeigt: Es gibt im Neuen Testament neben der einzigartigen Fundamentautorität auch einen weiteren apostolischen Dienstcharakter: Menschen werden ausgesandt, um Gemeinden zu gründen, zu ordnen, zu stärken und überörtlich zu dienen.

 

Ähnlich ist es beim prophetischen Dienst. Die Schrift ist abgeschlossen und genügt zur Lehre, Überführung, Zurechtweisung und Erziehung in der Gerechtigkeit (2Tim 3,16-17). Darum darf heutige Prophetie niemals neue Lehre, neue Schrift oder eine unprüfbare Autorität beanspruchen. Dennoch kennt das Neue Testament prophetisches Reden in der Gemeinde. Paulus fordert die Gemeinde auf: „Strebt nach der Liebe, doch bemüht euch auch eifrig um die Geisteswirkungen, am meisten aber, dass ihr weissagt“ (1Kor 14,1). Prophetie dient nach 1. Korinther 14,3 zur Erbauung, Ermahnung und Tröstung. Sie muss geprüft werden (1Kor 14,29; 1Thes 5,19-21).

 

Die Contra-Argumente sind deshalb nur teilweise richtig. Richtig ist: Die ursprüngliche Fundamentfunktion der Apostel und Propheten ist einmalig. Richtig ist auch: Die Bibel ist die höchste und abgeschlossene Autorität. Falsch ist aber die Schlussfolgerung, dass damit alle apostolischen und prophetischen Dienste aufgehört hätten. Epheser 4,11-13; 1. Korinther 12,28 und 1. Korinther 14 sagt das nicht. Auch die Warnung vor falschen Aposteln und falschen Propheten beweist nicht, dass es keine echten mehr gibt. Im Gegenteil: Man warnt nur sinnvoll vor Fälschungen, wenn es auch echte Dienste gibt, die nachgeahmt werden können.

 

Auch das Argument aus der Vergangenheitsform trägt nicht weit genug. Wenn Judas oder Petrus an die Worte der Apostel erinnern (Jud 17; 2Petr 3,2), dann betonen sie die verbindliche apostolische Überlieferung. Das hebt aber nicht automatisch alle späteren Dienstgaben auf. Ebenso ist es richtig, dass Paulus die Ältesten in Ephesus Gott und dem Wort seiner Gnade anbefiehlt (Apg 20,32). Das zeigt die letzte Autorität des Wortes Gottes. Aber auch Hirten, Lehrer und Evangelisten stehen unter dieser Autorität. Niemand würde daraus schließen, dass es deshalb keine Lehrer mehr geben dürfe.

 

Die biblisch sauberste Lösung lautet daher: Ja, es gibt heute noch apostolische und prophetische Dienste, aber nicht im Sinn einer neuen, kanonischen Fundamentautorität. Apostel heute sind keine neuen Paulus-Figuren und keine unfehlbaren Leiter über Gemeinden. Propheten heute sind keine Ergänzer der Bibel und keine unangreifbaren Stimmen Gottes. Beide Dienste sind Christus untergeordnet, an die Schrift gebunden, an ihrem Charakter zu prüfen und dienen dem Aufbau des Leibes Christi.

 

Häufiges Missverständnis

Ein häufiges Missverständnis lautet: „Wenn es heute noch Apostel und Propheten gibt, dann müssen sie dieselbe Autorität haben wie die Zwölf oder Paulus.“ Das ist nicht biblisch zwingend. Das Neue Testament selbst zeigt unterschiedliche Verwendungsweisen des Begriffs „Apostel“. Die einzigartige Rolle der ursprünglichen Apostel bleibt bestehen. Sie sind nicht ersetzbar. Aber das schließt nicht aus, dass Christus weiterhin Menschen mit apostolischer Sendung und prophetischem Dienst gibt.

 

Ein zweites Missverständnis lautet: „Weil es Missbrauch durch moderne Apostel und Propheten gibt, kann es diese Dienste nicht mehr geben.“ Missbrauch beweist nicht, dass ein Dienst unecht ist. Er beweist nur, dass Prüfung nötig ist. Die Bibel warnt vor falschen Aposteln (2Kor 11,13) und falschen Propheten (Mt 7,15; 1Joh 4,1), aber sie verbietet deshalb nicht jede apostolische Sendung oder jedes prophetische Reden. Der biblische Weg ist nicht Abschaffung, sondern Prüfung am Wort Gottes, an Christus, an der Frucht und an der gesunden Lehre.

 

Ein drittes Missverständnis betrifft die Rangordnung. Apostel und Propheten sind nicht dazu gegeben, Gemeinden zu kontrollieren oder sich über Hirten und Älteste zu stellen. Leiterschaft im Reich Gottes ist Dienst, nicht Herrschaft über Menschen. Wer apostolische oder prophetische Autorität beansprucht, aber nicht demütig, rechenschaftsfähig, schriftgebunden und christuszentriert handelt, widerspricht dem Wesen Jesu.

 

Sind Titus, Timotheus und Junias Apostel?

Bei Titus muss man sorgfältig formulieren. Titus war ein enger Mitarbeiter des Paulus und hatte eindeutig einen überörtlichen, apostolisch geprägten Auftrag. Er sollte in Kreta das ordnen, was noch fehlte, und in den Städten Älteste einsetzen (Tit 1,5). Das ist stark apostolische Arbeit. Dennoch nennt der Text Titus nicht ausdrücklich „Apostel“ im gleichen Sinn wie Paulus. Man kann also sagen: Titus übte einen apostolischen Delegationsdienst aus, aber die Bibel nennt ihn nicht eindeutig mit dem Titel Apostel.

 

Bei Timotheus ist es ähnlich, aber etwas stärker. Timotheus war Mitarbeiter des Paulus, wurde ausgesandt, Gemeinden zu stärken und zu ordnen, und sollte das Werk eines Evangelisten tun (1Thes 3,2; 1Tim 1,3; 2Tim 4,5). In 1. Thessalonicher 1,1 werden Paulus, Silvanus und Timotheus gemeinsam als Absender genannt, und in 1. Thessalonicher 2,6 spricht Paulus im Plural davon, dass sie als „Apostel des Christus“ hätten auftreten können. Daraus schließen manche, dass auch Silvanus und Timotheus in einem weiteren Sinn apostolisch bezeichnet werden können. Sicher ist: Timotheus war kein Fundamentapostel wie Paulus, aber er trug einen klaren apostolischen Dienstauftrag.

 

Bei Junias beziehungsweise Junia ist Römer 16,7 entscheidend. Paulus nennt Andronikus und Junias „angesehen unter den Aposteln“ oder „hervorragend unter den Aposteln“, je nach Übersetzung und Auslegung. Es gibt zwei Fragen: Ist Junias eine männliche Form oder handelt es sich um Junia, also eine Frau? Und bedeutet die Formulierung, dass sie selbst zu den Aposteln gehörten, oder dass sie bei den Aposteln angesehen waren? Beides wird diskutiert. Sicher sagen kann man: Andronikus und Junias/Junia waren herausragende frühe Christen, die vor Paulus in Christus waren und in apostolischen Kreisen hohes Ansehen hatten. Möglich ist, dass sie in einem weiteren Sinn als Apostel verstanden wurden. Aber auch hier geht es nicht um die Autorität der Zwölf oder des Paulus.

 

Die Schlussfolgerung ist: Titus, Timotheus und Junias zeigen, dass das Neue Testament apostolische Mitarbeit und Sendung breiter kennt als nur die Zwölf. Gleichzeitig muss man sauber unterscheiden zwischen dem einzigartigen Fundamentamt und einem weiteren apostolischen Dienst.

 

Die Bedeutung für uns

Diese Frage ist für die Gemeinde heute wichtig, weil sie vor zwei Fehlern schützt. Der eine Fehler ist, apostolische und prophetische Dienste grundsätzlich abzulehnen, obwohl Epheser 4,11-13 sie als Gaben Christi zur Zurüstung der Gemeinde nennt. Der andere Fehler ist, modernen Aposteln und Propheten eine Autorität zu geben, die nur der Schrift und dem einzigartigen apostolischen Fundament des Neuen Testaments zukommt.

 

Gesunde apostolische Dienste heute verfassen keine neuen Schriften, sondern helfen, Gemeinden zu gründen, zu ordnen, zu stärken, Leiter zuzurüsten und das Evangelium in neue Bereiche zu tragen. Gesunde prophetische Dienste heute ersetzen nicht die Schrift, sondern rufen zur Treue gegenüber Christus, ermutigen, ermahnen, trösten und helfen der Gemeinde, Gottes Reden in bestimmten Situationen zu prüfen und zu beachten.

 

Alles muss am Wort Gottes geprüft werden. Die Schrift bleibt letzte Autorität. Ein echter apostolischer oder prophetischer Dienst wird niemals die Gemeinde von der Bibel wegführen, niemals Jesus verdrängen und niemals geistliche Kontrolle über Menschen aufrichten. Er wird Christus verherrlichen, die Gemeinde erbauen und sich selbst dem Wort Gottes unterordnen.

 

Kurz zusammengefasst

Ja, es gibt heute noch apostolische und prophetische Dienste, weil Christus sie nach Epheser 4,11-13 zur Zurüstung der Gemeinde gegeben hat, bis der Leib Christi zur Reife gelangt. Aber es gibt heute keine Apostel und Propheten mit neuer Schrift-Offenbarung oder der einzigartigen Fundamentautorität der ursprünglichen Apostel und Propheten.

 

Weiterführende Bibelstellen

Mt 7,15-20; 10,1-5; Lk 6,12-16; 11,49; Apg 2,42-43; 11,27-28; 13,1-4; 14,14; 15,32; 20,28-32; Röm 16,7; 1Kor 3,10-11; 12,28-31; 14,1-5; 14,29-33; 2Kor 8,23; 11,13-15; 12,12; Gal 1,1; 1,19; Eph 2,19-20; 3,4-5; 4,11-16; 1Thess 2,6; 5,19-21; 1Tim 1,3; 2Tim 3,16-17; 4,5; Tit 1,5; Hebr 2,3-4; 2Petr 1,19-21; 3,2; 1Joh 4,1-3; Jud 17; Offb 2,2; 21,14


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Gottes Segen Euch allen!

 

1. Thessalonicher 5,23

Er selbst aber, der Gott des Friedens, heilige euch völlig; und vollständig möge euer Geist und Seele und Leib untadelig bewahrt werden bei der Ankunft unseres Herrn Jesus Christus!

 

Amen und Amen