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Die Masoreten & der masoretische Text

Die Masoreten waren jüdische Schriftgelehrte, die zwischen 500 und 950 n.Chr. dem Text des Alten Testaments seine endgültige Form verliehen.

 

Die Bezeichnung "Masoreten" ist von hebräisch "Masora / מסורה" abgeleitet, was wörtlich übersetzt "Überlieferung" heißt und womit ein komplexes System von Zeichen und Markierungen bezeichnet wird, dass die Masoreten entwickelten, um ihr Ziel zu erreichen. Sie wollten also sicherstellen, dass der Text genau verstanden und wortgetreu an zukünftige Generationen weitergegeben wird. Dementsprechend gingen die Masoreten mit großer Sorgfalt und Behutsamkeit vor, um den Wortlaut der Schriftstücke, die sie abschrieben, exakt beizubehalten und akzeptierten die mühsame Aufgabe, die Texte herauszugeben und zu standardisieren. Ihre Zentrale war in Tiberias. Der Text, den sie bearbeiteten und bewahrten, heißt deshalb der "Masoretische"-Text (MT). Dieser Text, der so entstand, enthält Vokal-Punkte, um eine richtige Aussprache zu gewährleisten. Der Masoretische Text ist heute der hebräische Standardtext.

 

Die Zerstörung des zweiten Tempels in Jerusalem im Jahr 70 n.Chr. zusammen mit der Vertreibung der Juden aus ihrem Land wurde zu einem mächtigen Anstoß:

 

1. zur Standardisierung des Konsonantentextes und

2. zur Standardisierung der Interpunktion und dem Gebrauch von Vokalen, um das korrekte Aussprechen und die Betonung beim Vorlesen zu bewahren.

 

Man nannte sie Masoreten, weil sie die mündliche Tradition (Masora) im Hinblick auf die richtigen Vokale und die richtige Betonung und die Zahl der selten vorkommenden Wörter mit ungewöhnlicher Schreibweise schriftlich festhielten. Sie empfingen den konsonantischen Text der Sopherim, der ohne Interpunktion war, und fügten die Vokale als Punkte ein, sodass jedes Wort seine exakte Aussprache und grammatische Form erhielt. Sie ließen sich sogar auf eine behutsame Textkritik ein. Wo sie vermuteten, dass das vom konsonantischen Text angezeigte Wort falsch war, korrigierten sie es in einer geradezu naiv-unbefangenen Weise. Sie ließen die vorgefundenen Konsonanten unverändert stehen, wie sie sie von den Sopherim erhalten hatten. Doch dann fügten sie die "Vokal-Punktierung" ein, die zu dem neuen Wort gehörte, mit dem sie das alte ersetzen wollten. Die Konsonanten, die zu dem neuen Wort gehörten, setzen sie in sehr kleinen Buchstaben an den Rand, die sogenannte "Qeré", was "was zu lesen ist" bedeutet.

 

Es gab zwei bedeutende Schulen oder Zentren masoretischer Aktivität, jede weithin unabhängig von der anderen, die Masoreten des Westens und die Masoreten des Ostens. Die berühmtesten Masoreten waren die jüdischen Gelehrten aus dem Westen, die in Tiberias in Galiläa lebten: Moses Ben Ascher (mit seinem Sohn Aaron) und Moses Ben Naftali im späten 9. und 10. Jahrhundert n.Chr. Der "Ben Ascher"-Text ist heute der hebräische Standard-Text und am besten durch den Codex Leningradensis B 19A (L) und den Aleppo-Codex (A) repräsentiert.

 

Die Masoreten waren sehr gut ausgebildet und behandelten den Text mit größter Ehrfurcht, schließlich glaubten sie, dass sie die Worte Gottes schrieben.

 

Sie entwickelten ein kompliziertes System von Schutzvorrichtungen gegen Versehen und Fehler beim Abschreiben. Das hebräische Wort für "Schriftgelehrter / saphar" bedeutet auch "Zähler", und so zählten die Masoreten alles in einem Text. Sie wussten zum Beispiel, dass die Tora, die ersten fünf Bücher des Alten Testaments, 304.805 Buchstaben und 79.847 Wörter enthält. Sie wussten, dass in der Mitte der Tora das Wort steht, das mit "suchte" übersetzt wird (3Mo 10,16). Außerdem wussten sie, dass der mittlere Buchstabe der Tora ein Buchstabe des Wortes "Bauch" in 3. Mose 11,42 ist. Sie hatten derart viele Schutzvorrichtungen eingebaut, dass sie am Ende sicher waren, eine absolut korrekte Abschrift zu besitzen. Dadurch wurde der Text mit einer Perfektion überliefert, die ans Computer-Zeitalter erinnert, denn der Computer kontrolliert heutige Texte ebenfalls durch Zählen der verwendeten Zeichen und Wörter. Solches Wissen mag auf uns befremdlich oder vielleicht wenig bedeutungsvoll wirken, aber für die Masoreten war das zwingend erforderlich, um Gottes Wort sorgfältig bewahren zu können. Wenn die Kopie nicht den richtigen Zählwert hatte, war das Manuskript unbrauchbar und wurde vernichtet. Solche Maßnahmen sollten verhindern, dass nicht ein einziges Wort der Heiligen Schrift hinzugefügt bzw. weggelassen werden konnte. Auf diese Weise wurden die Schriftrollen der hebräischen Bibel von einem Jahrhundert zum nächsten sorgfältig und genau überliefert. Wir sollten für ihre eifrige Arbeit dankbar sein.

 

Die Schriftgelehrten bearbeiteten den alttestamentlichen Text also auf dreifache Weise:

 

Erstens: Zunächst entwickelten sie ein System, mittels dessen die Vokale geschrieben wurden. Zuvor bestand das geschriebene Hebräisch nur aus Konsonanten, wenn auch einige wenige Konsonanten dazu verwendet wurden, bestimmte Vokale auszudrücken. Die Masoreten bildeten diese Vokalbuchstaben aus, um in geschriebener Form die mündliche Tradition zu bewahren, die von früheren Generationen auf sie überkommen war.

 

Zweitens: Die Masoreten entwickelten ein System von Akzenten für den hebräischen Text, die sogenannte Punktation. Die Punktation half dem Leser, den Text richtig zu betonen, machte aber auch das Verhältnis deutlich, in dem verschiedene Wörter und Wendungen in einem Satz zueinander standen. Damit trug sie dazu bei, viele schwierige Textstellen zu erhellen.

 

Drittens: Die Masoreten erfanden ein System von Randanmerkungen zum Text, die sogenannte "Qeré", was "was zu lesen ist" bedeutet. Anhand dieser Anmerkungen konnte die Genauigkeit eines abgeschriebenen Textes überprüft werden. Man muss bedenken, dass die Masoreten ihre Kopien von Hand besorgen mussten.

 

Ein Faktor, der sich in der gesamten Diskussion über das Beweismaterial aus den hebräischen Manuskripten hindurch zieht, ist die jüdische Ehrfurcht gegenüber den Heiligen Schriften. Was die jüdischen Schriften angeht, so war es nicht nur die Genauigkeit der Schreiber, die für das Ergebnis garantierten. Es war vielmehr ihre fast kultische Verehrung für das Wort Gottes selbst. Nach dem Talmud gab es nicht nur genaue Vorschriften für die Art von Häuten, die benutzt wurden, und die Größe der Spalten, sondern die Schreiber waren sogar verpflichtet, ein religiöses Ritual zu vollziehen, bevor sie den Namen Gottes schrieben. Vorschriften regelten den Gebrauch von zu benutzender Tinte und die Abstände zwischen Wörtern. Und sie verboten, irgendetwas aus dem Gedächtnis zu schreiben. Die Zeilen und sogar die Buchstaben wurden systematisch gezählt. Wenn man in einem Manuskript nur einen einzigen Fehler fand, wurde es ausrangiert und vernichtet. Das war auch der Grund für die verhältnismäßig geringe Anzahl von Handschriften, weil ihre Vorschriften die Vernichtung fehlerhafter Abschriften verlangten.

 

Flavius Josephus, ein jüdischer Historiker aus dem 1. Jahrhundert, sagte:

 

"Wir haben unsere Ehrfurcht vor unseren eigenen Heiligen Schriften praktisch bewiesen. Denn obwohl so lange Zeitspannen inzwischen vergangen sind, hat niemand es gewagt, weder etwas hinzuzufügen noch etwas wegzulassen oder eine Silbe zu ändern. Es ist ein Instinkt, den jeder Jude von Geburt an in sich hat, diese Schriften als von Gott gegeben anzusehen, sich daran zu halten und, wenn es sein muss, fröhlich dafür zu sterben. Immer wieder hat man in der Vergangenheit Gefangene gesehen, die eher Folter und Tod in jeder Form in den Theatern erduldeten, als ein einziges Wort gegen das Gesetz und die damit zusammenhängenden Dokumente zu sagen".

 

Josephus fährt fort, indem er zwischen der hebräischen Achtung vor den Heiligen Schriften und dem Verhältnis der Griechen zu ihrer Literatur Vergleiche anstellt:

 

"Welcher Grieche würde aus einem solchen Grund soviel auf sich nehmen? Selbst wenn er die Gesamtheit der Schriften seiner Nation vor der Zerstörung bewahren könnte, würde er nicht das kleinste persönliche Unrecht deswegen erdulden. Für die Griechen sind es mehr Geschichten, die der Fantasie der Autoren entsprungen sind. Und in dieser Einschätzung selbst der älteren Historiker haben sie durchaus Recht, wenn sie sehen, dass einige ihrer Zeitgenossen es wagten, Ereignisse zu beschreiben, bei denen sie nicht dabei waren und wo sie sich keine Mühe machen, Informationen von denen einzuholen, die die Tatsachen kennen".

 

Heutiger Gebrauch

Der Masoretische Text bildet heute den im Judentum benutzten Tanachtext, also der hebräischen Bibel. Im Christentum stellt er eine der wichtigsten Quellen für Bibelübersetzungen dar und stellt ebenso meistens den alttestamentlichen Text der Bibel.

 

Die Textkritik des Alten Testaments geht infolge der Entstehungsgeschichte des Masoretischen Textes heute davon aus, dass der Masoretische Text, dem zur Zeit des Urchristentums verwendeten Text des Alten Testaments am nächsten kommt. Nur wo begründete Zweifel an diesem Text bestehen, sollte die betreffende Textstelle zugunsten einer anderen Quelle aufgegeben werden.

 

Doch noch warteten die frühesten vorliegenden masoretischen Manuskripte, die von etwa 1000 n.Chr. und späterer Zeit stammen, auf die Bestätigung ihrer Korrektheit. Diese Bestätigung kam mit einer erstaunlichen Entdeckung in Israel am Nord-West-Ufer des Toten Meeres.


Gottes Segen Euch allen!

 

1. Thessalonicher 5,23

"Er selbst aber, der Gott des Friedens, heilige euch völlig; und  vollständig möge euer Geist und Seele und Leib untadelig bewahrt werden bei der Ankunft unseres Herrn Jesus Christus!"

 

Amen

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