Psalm 34,15
„Meide das Böse und tue das Gute; suche Frieden und jage ihm nach!“
Dieser Beitrag soll die historischen Hintergründe und die Entwicklung des Begriffs „Nakba“ beleuchten.
Der Überfall der Terror-Organisation Hamas aus dem Gazastreifen am 07.10.2023 auf Israel hat die Diskussionen rund um den Nahost-Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern erneut entfacht. Ein Begriff, der in diesem Zusammenhang immer wieder genannt wird, ist „Nakba“, was „Katastrophe“ oder „Unglück“ bedeutet.
Die Nakba bezeichnet im Geschichtsbild von Palästinensern und ihren Fürsprechern die Vertreibung und Flucht der arabischen Palästinenser während des Unabhängigkeitskrieges Israels von 1947-1949 im britischen Mandatsgebiet Palästina und im entstehenden Staat Israel sowie die Enteignung ihres Landes, Eigentums und Besitzes. Rund 700.000 Menschen waren unmittelbar betroffen. In einem weiteren Sinn umfasst der Begriff auch die Zerstörung der palästinensisch-arabischen Gesellschaftsstrukturen, Identität, politischen Rechte und nationalen Bestrebungen. Der Begriff wird außerdem verwendet, um die anhaltende Ablehnung des Rückkehrrechts palästinensischer Flüchtlinge und ihrer Nachkommen zu beschreiben.
Im palästinensischen Geschichtsverständnis und dem seiner Unterstützer wird die Nakba üblicherweise als von Anfang an geplante ethnische Säuberung durch das israelische Militär und paramilitärische zionistische Gruppen dargestellt.
Im israelischen Geschichtsbild hingegen wurde die Nakba lange vor allem als freiwillige Flucht von Teilen der arabischen Bevölkerung infolge von Aufrufen arabischer Führungspersönlichkeiten beschrieben.
Beide Darstellungen greifen zu kurz, wenn sie die Ereignisse nur einseitig erklären. Es gab Flucht, es gab Vertreibungen, es gab Gewalt, und es gab tragisches Leid. Zugleich geschah all das nicht einfach so, sondern im Zusammenhang eines Krieges, den die arabischen Staaten gegen den neu gegründeten Staat Israel begannen.
Vor allem in propalästinensischen Bewegungen wird der Begriff „Nakba“ heute verwendet, um eine Art „Ursünde“ der Juden beziehungsweise Israels zu beschreiben. Laut dieser Darstellung war die Nakba eine gezielte Vertreibung oder sogar eine von Anfang an geplante ethnische Säuberung. Doch wie zutreffend ist diese Beschreibung? War die Nakba tatsächlich eine gezielte Aktion der israelischen Regierung, oder haben verschiedene Faktoren zur Flucht und Vertreibung vieler Araber geführt?
Und eine weitere entscheidende Frage wird in der öffentlichen Debatte fast vollständig ausgeblendet: Warum spricht man fast ausschließlich über die arabisch-palästinensische Fluchtbewegung, aber kaum über die fast zeitgleiche Vertreibung von Hunderttausenden Juden aus arabischen Ländern und dem Iran?
In diesem Beitrag werfen wir einen genaueren Blick auf die Ereignisse von 1948, die Entstehung des Begriffs „Nakba“ und die oft vergessene jüdische Katastrophe jener Zeit.
Was bedeutet „Nakba“ und wie wurde der Begriff politisch geprägt?
Der Begriff „Nakba“ wurde erstmals von dem syrischen Professor Konstantin Zureik in Bezug auf die Ereignisse von 1948 verwendet. Zureik beschrieb die Katastrophe der arabischen Welt als eine Niederlage, die wesentlich mit dem eigenen politischen und militärischen Scheitern zusammenhing.
In der ursprünglichen Verwendung bezog sich der Begriff „Nakba“ daher nicht auf eine alleinige Schuld Israels, sondern auf die militärische, politische und moralische Niederlage der arabischen Welt im Krieg von 1948. Die Katastrophe bestand nach diesem Verständnis im Scheitern der arabischen Staaten und ihrer Führung.
In den Jahren und Jahrzehnten nach dem Unabhängigkeitskrieg spielte der Begriff „Nakba“ im öffentlichen arabischen Diskurs zunächst keine zentrale Rolle. Die Niederlage von 1948 galt in vielen arabischen Staaten als beschämend und wurde oft zurückhaltend thematisiert, weil sie die Schande des eigenen militärischen und politischen Scheiterns symbolisierte.
Erst Ende der 1990er Jahre änderte sich die Bedeutung des Begriffs deutlich, als Yasser Arafat 1998 den 15. Mai zum offiziellen Nakba-Gedenktag erklärte. Seitdem wurde die Nakba zunehmend als ein Ereignis dargestellt, bei dem Israel und die Juden die alleinige Schuld tragen. Dies trug dazu bei, den Begriff als Kampfbegriff der „Free Palestine“-Bewegung zu etablieren.
Kritiker argumentieren, dass sich der Fokus im modernen Nakba-Narrativ von den historischen Ursachen des Krieges wegbewegt hat. Die Rolle der arabischen Staaten beim Kriegsausbruch tritt zunehmend in den Hintergrund. Die Ablehnung des UN-Teilungsplans, der Angriffskrieg gegen Israel, die fehlende Gründung eines arabisch-palästinensischen Staates durch Jordanien und Ägypten sowie die spätere Instrumentalisierung palästinensischer Flüchtlinge werden oft ausgeblendet.
Gleichzeitig wird die jüdische Nakba fast vollständig aus dem kollektiven Gedächtnis verdrängt. Die Vertreibung von Hunderttausenden Juden aus arabischen Ländern passt nicht in das heute verbreitete Täter-Opfer-Schema. Sie zeigt, dass 1948 nicht nur eine arabisch-palästinensische Flüchtlingsfrage entstand, sondern auch eine jüdische Flüchtlingsfrage von gewaltigem Ausmaß.
Der Begriff „Nakba“ erhielt im Laufe der Jahrzehnte eine zunehmend politische und identitätsstiftende Bedeutung. Heute wird er häufig nicht nur als Erinnerung an reales Leid verwendet, sondern auch als politisches Werkzeug gegen die Legitimität Israels.
Die Staatsgründung Israels und die UN-Resolution 181
Um die Ereignisse der Nakba zu verstehen, müssen wir einen Schritt zurückgehen – zur Staatsgründung Israels. Die Idee eines jüdischen Staates wurde durch Theodor Herzl und den Zionismus ins Leben gerufen.
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Diese Vision führte schließlich zur UN-Resolution 181 im Jahr 1947. Sie sollte den Konflikt zwischen arabischen und jüdischen Bewohnern des britischen Mandatsgebiets Palästina lösen, legitimierte den Teilungsplan und bereitete den Weg für die Gründung des modernen Staates Israel. Israel sollte dabei 55 % des Gebiets erhalten. Dabei ist wichtig zu erwähnen, dass Israel mit dieser Aufteilung keine einfache oder bevorzugte Lösung erhielt, da ein großer Teil des zugesprochenen Gebiets aus schwer bewohnbarem Land bestand, darunter die Negev-Wüste.
Die arabische Seite lehnte den Teilungsplan ab. Dabei darf man jedoch nicht den Eindruck erwecken, als sei der arabische Hass auf Juden erst durch die Staatsgründung Israels entstanden. Die Gewalt gegen Juden im Nahen Osten hatte bereits vor 1948 eine lange Vorgeschichte.
Juden lebten in vielen arabischen und muslimisch geprägten Ländern nicht als moderne Einwanderer, sondern waren dort oft seit Jahrhunderten oder sogar Jahrtausenden beheimatet. In Ländern wie dem Irak reicht die jüdische Geschichte bis in die Zeit der babylonischen Gefangenschaft zurück. Diese jüdischen Gemeinden existierten lange vor der Entstehung des Islam.
Trotzdem lebten Juden unter islamischer Herrschaft über lange Zeit häufig nicht als gleichberechtigte Bürger, sondern als sogenannte „Dhimmis“, also als Schutzbefohlene. Dieser Status konnte je nach Land und Zeit unterschiedlich ausgestaltet sein, bedeutete aber grundsätzlich keine Gleichberechtigung. Juden und Christen mussten in vielen Gesellschaften Sondersteuern zahlen, waren rechtlich benachteiligt und standen sozial unter muslimischer Vorherrschaft. Der Historiker Georges Bensoussan weist darauf hin, dass das oft romantisierte Bild einer harmonischen jüdisch-arabischen Koexistenz historisch zu einfach ist. Es gab Phasen relativer Ruhe und kultureller Blüte, aber auch Demütigung, Ausgrenzung, Gewalt und wachsende Verfolgung.
Besonders deutlich wurde diese Entwicklung im 20. Jahrhundert. Als Juden in arabischen Ländern zunehmend gleiche Rechte forderten und sich aus ihrer untergeordneten Rolle lösten, radikalisierte sich die Ablehnung in Teilen der arabischen Gesellschaften. Ein trauriger Höhepunkt war der Farhud in Bagdad im Juni 1941. Dabei wurden jüdische Häuser und Geschäfte geplündert, Frauen vergewaltigt und Juden ermordet. Je nach Quelle werden etwa 150 bis 180 ermordete Juden genannt. Dieses Pogrom erschütterte die jahrtausendealte jüdische Gemeinde im Irak tief.
Diese Gewalt entstand nicht erst durch Israel. Sie wurde durch arabischen Nationalismus, antijüdische Verschwörungsbilder und auch durch Nazi-Propaganda weiter angeheizt. Der damalige Großmufti von Jerusalem, Amin al-Husseini, hielt sich zeitweise in Bagdad auf, sympathisierte offen mit Nazi-Deutschland und spielte eine wichtige Rolle in der antijüdischen Radikalisierung. Deutsche Propaganda wurde über arabischsprachige Radiosendungen verbreitet, und antisemitische Ideologie fand im Nahen Osten zunehmend Anklang.
Trotz der Entscheidung der UN kam es daher nicht überraschend zu schweren Auseinandersetzungen zwischen Juden und Arabern. Beispiele für antijüdische Gewalt gab es bereits vor 1948, etwa das Massaker von Hebron 1929, bei dem 67 Juden brutal ermordet wurden. Zudem übten arabische Führer großen Druck auf die UN aus und drohten mit Gewalt, sollte ein jüdischer Staat errichtet werden. Der Vorsitzende der Arabischen Liga, Abdelrahman Azzam, warnte im Vorfeld der Abstimmung, die Gründung Israels werde zu einem Vernichtungskrieg und einem großen Massaker führen.
Der Unabhängigkeitskrieg und die Reaktionen der arabischen Welt
Trotz der Drohungen stimmte die UN-Resolution 181 für die Teilung des britischen Mandatsgebiets Palästina. David Ben-Gurion, der erste Premierminister Israels, rief in der israelischen Unabhängigkeitserklärung zu Frieden und Zusammenarbeit auf. Die arabischen Staaten lehnten dieses Friedensangebot jedoch ab und starteten nach der Staatsgründung Israels einen Angriffskrieg gegen den jungen jüdischen Staat.
Ägypten, Syrien, Transjordanien, Libanon, Irak und weitere arabische Kräfte beteiligten sich an diesem Krieg. Der Krieg führte letztlich zur Flucht und Vertreibung von rund 700.000 Arabern - ein Ereignis, das heute als Nakba bekannt ist.
Nach einem Jahr Krieg wurde schließlich ein Waffenstillstand erreicht. Dass die junge Nation Israel den Armeen mehrerer arabischer Staaten widerstehen konnte, war bemerkenswert.
Nach dem Krieg behielt Israel das Gebiet, das die UN-Resolution 181 als jüdischen Staat vorgesehen hatte, und übernahm zusätzlich die Kontrolle über einige angrenzende Gebiete. Jordanien kontrollierte fortan das Gebiet, das für einen arabischen Staat vorgesehen war - das sogenannte Westjordanland, also Judäa und Samaria, einschließlich Ost-Jerusalem. Ägypten übernahm die Kontrolle über den Gazastreifen.
Ein arabisch-palästinensischer Staat wurde jedoch nicht geschaffen, obwohl dies naheliegend gewesen wäre. Als 1949 die beteiligten Staaten die Waffenstillstandsabkommen unterzeichneten, erhob niemand ernsthaft Anspruch auf einen unabhängigen Staat „Palästina“. Ein solcher Plan fand in der arabischen Welt damals kein zentrales Interesse. Judäa und Samaria wurden von Jordanien annektiert, der Gazastreifen blieb unter ägyptischer Kontrolle. Die arabischen Palästinenser erhielten keinen eigenen Staat.
Die Gründe für die Flucht der Araber
Entgegen der Darstellung vieler propalästinensischer Quellen war die Nakba nicht das Ergebnis eines groß angelegten Plans der israelischen Regierung zur gewaltsamen Vertreibung der gesamten arabischen Bevölkerung. Historische Untersuchungen, darunter auch die des israelischen Historikers Benny Morris, zeigen ein komplexeres Bild. Es gab Vertreibungen, es gab Gewalt, es gab Massaker und lokale Entscheidungen einzelner Kommandeure. Doch eine einheitliche, von Anfang an geplante staatliche Gesamtstrategie zur vollständigen Vertreibung aller Araber lässt sich historisch nicht belegen.
Die Fluchtbewegungen waren vor allem eine Folge des Unabhängigkeitskriegs, den die arabischen Armeen begonnen hatten. In Kriegszeiten sind Fluchtbewegungen leider häufig. Viele Menschen fliehen aus Angst vor Kämpfen, andere werden durch konkrete militärische Maßnahmen verdrängt, wieder andere verlassen ihre Häuser in Erwartung einer schnellen Rückkehr.
Die arabischen Streitkräfte und lokale arabische Führer trugen ebenfalls zur Flucht bei, indem sie Teile der Bevölkerung aufforderten, Kampfgebiete zu verlassen, um nach einem erwarteten arabischen Sieg zurückzukehren. Viele Palästinenser verließen ihre Heimat mit dem Schlüssel ihrer Häuser in der Hoffnung, bald zurückkehren zu können. Dieser Schlüssel wurde später zu einem starken Symbol in der palästinensischen Erinnerungskultur und Propaganda.
Die Situation während der Kriegstage 1948 war angespannt, chaotisch und blutig. Manche arabische Bewohner flohen freiwillig, andere aus Angst, wieder andere wurden vertrieben. Gleichzeitig blieben rund 150.000 Araber im Gebiet des neu gegründeten Staates Israel. Ihre Nachkommen sind heute arabische Bürger Israels.
Das allein widerlegt zwar nicht einzelne Vertreibungen, zeigt aber, dass die These einer vollständigen, systematisch geplanten ethnischen Säuberung nicht zur historischen Realität passt. Wäre das Ziel eine vollständige Entfernung aller Araber gewesen, hätte es keine große arabische Minderheit im Staat Israel gegeben.
Gewalt und Vertreibungen
Während des Unabhängigkeitskriegs kam es auch zu gewaltsamen Übergriffen, Vertreibungen und Verbrechen durch israelische Milizen und Einheiten. Das darf nicht verschwiegen werden. Laut Benny Morris gab es solche Verbrechen, jedoch nicht als durchgehenden politischen Auftrag der israelischen Regierung zur Auslöschung oder vollständigen Vertreibung der arabischen Bevölkerung. Viele dieser Taten geschahen lokal, unter Kriegsdruck, aus Angst, Vergeltung oder auf Anordnung einzelner Kommandeure.
Rund 700.000 Araber verließen damals ihre Heimat und gingen in arabische Nachbarländer oder in von arabischen Kräften kontrollierte Gebiete. Dort wurden sie jedoch häufig nicht dauerhaft integriert. Die UN gründete daraufhin die UNRWA, das Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten. UNRWA ist bis heute tätig und betreut nicht nur die ursprünglichen Flüchtlinge, sondern auch deren Nachkommen.
Hier liegt ein entscheidender Punkt, der in der öffentlichen Debatte oft übersehen wird. UNRWA ist innerhalb des UN-Systems außergewöhnlich, weil es nicht allgemein für alle Flüchtlinge weltweit zuständig ist, sondern speziell für palästinensische Flüchtlinge. Die Nachkommen männlicher palästinensischer Flüchtlinge können ebenfalls registriert werden. Dadurch wuchs die Zahl der registrierten Palästina-Flüchtlinge von etwa 700.000 bis 750.000 in der Anfangszeit auf heute mehrere Millionen an.
Das bedeutet nicht, dass jedes palästinensische Leid erfunden wäre. Viele Menschen lebten tatsächlich in schwierigen Verhältnissen, wurden staatenlos gehalten und politisch missbraucht. Aber genau hier beginnt die politische Instrumentalisierung. Während Israel und westliche Länder jüdische Flüchtlinge aufnahmen, einbürgerten und integrierten, verweigerten viele arabische Staaten den palästinensischen Flüchtlingen eine echte dauerhafte Integration. Jordanien bildet dabei eine wichtige Ausnahme, weil viele Palästinenser dort die Staatsbürgerschaft erhielten. In anderen Ländern, besonders im Libanon und teilweise auch in anderen arabischen Staaten, blieben Palästinenser jedoch über Generationen rechtlich und gesellschaftlich ausgegrenzt.
Das Leid der palästinensischen Flüchtlinge wurde dadurch nicht gelöst, sondern politisch konserviert. Es wurde zu einem dauerhaften Druckmittel gegen Israel. Statt die Menschen vollständig in die arabischen Gesellschaften zu integrieren, hielt man ihre Flüchtlingseigenschaft wach und machte sie zu einem politischen Symbol.
● Die vergessene jüdische Nakba
Gleichzeitig kam es zu einer zweiten großen Flucht- und Vertreibungsbewegung, die in der öffentlichen Wahrnehmung bis heute weitgehend ausgeblendet wird: der Vertreibung der Juden aus arabischen Ländern und dem Iran.
Zwischen 1948 und den darauffolgenden Jahrzehnten verließen oder wurden etwa 850.000 bis 950.000 Juden aus arabischen Ländern und dem Iran vertrieben. Einst blühende jüdische Gemeinden im Irak, in Ägypten, Syrien, Libyen, Jemen, Marokko, Algerien, Tunesien und weiteren Ländern wurden nahezu ausgelöscht. In vielen dieser Länder hatten Juden seit Jahrhunderten oder Jahrtausenden gelebt. Heute sind von diesen Gemeinden nur noch kleine Reste übrig. In manchen Ländern existieren sie praktisch nicht mehr.
Es ist ein historischer Mythos, dass diese Juden größtenteils einfach aus zionistischer Begeisterung freiwillig nach Israel gingen. Ja, es gab Juden, die aus tiefer Verbundenheit mit Zion nach Israel auswandern wollten. Doch für sehr viele war es keine freie Entscheidung, sondern Flucht vor Pogromen, staatlicher Verfolgung, Entrechtung und Enteignung.
In mehreren arabischen Staaten wurden Juden aus dem Staatsdienst entlassen, ihre Bankkonten eingefroren, ihre Bewegungsfreiheit eingeschränkt, ihre Staatsbürgerschaft aberkannt oder ihre Ausreise erzwungen. In Ägypten, im Irak, in Libyen und anderen Ländern kam es zu gesetzlichen Maßnahmen, politischem Druck und offener Gewalt gegen jüdische Bürger. Viele mussten ihren Besitz zurücklassen. Manche durften nur einen Koffer mitnehmen. Häuser, Synagogen, Geschäfte, Grundstücke, Bankguthaben und Gemeindeeigentum wurden beschlagnahmt oder gingen verloren.
Der Wert des zurückgelassenen und enteigneten jüdischen Eigentums wird in verschiedenen Schätzungen auf enorme Summen beziffert. Israelische Regierungsanalysen nannten für jüdisches Eigentum aus arabischen Ländern und dem Iran einen Wert von etwa 150 Milliarden US-Dollar. Andere Schätzungen weichen davon ab, doch unstrittig ist: Es handelte sich um eine gewaltige Enteignung jüdischen Lebens und Besitzes. Eine umfassende Entschädigung gab es bis heute nicht.
Der Unterschied zum Umgang mit den palästinensischen Flüchtlingen ist auffällig. Für die fast eine Million jüdischen Flüchtlinge aus arabischen Ländern und dem Iran gab es kein eigenes UN-Hilfswerk, keine vergleichbare dauerhafte internationale Flüchtlingsstruktur und kaum politische Aufmerksamkeit. Israel nahm sie auf, obwohl der junge Staat selbst arm, militärisch bedroht und wirtschaftlich überfordert war. Viele dieser Juden lebten zunächst in Zeltlagern und Übergangslagern, den sogenannten Ma’abarot. Sie wurden nicht immer fair behandelt, und es gab auch innerhalb Israels soziale Spannungen und Diskriminierung. Trotzdem wurden sie eingebürgert, integriert und Teil des jüdischen Staates.
Heute sind orientalische, sephardische und Mizrachi-Juden mit ihren Nachkommen eine tragende Säule der israelischen Gesellschaft. Sie prägen Politik, Armee, Kultur, Wirtschaft, Religion und Alltag Israels. Ihre Geschichte ist nicht nur eine Geschichte von Verlust, sondern auch von Wiederaufbau.
Gerade deshalb ist es historisch unredlich, nur von einer Nakba zu sprechen und die jüdische Katastrophe jener Jahre auszublenden. Wer über 1948 spricht, muss beide Fluchtbewegungen betrachten: die arabisch-palästinensische Flucht und Vertreibung sowie die jüdische Vertreibung aus arabischen Ländern und dem Iran.
So entstanden auf beiden Seiten große Flüchtlingsströme, verbunden mit viel Leid, Verlust und Tragik. Der entscheidende Unterschied liegt jedoch im weiteren Umgang mit diesen Flüchtlingen. Israel integrierte seine jüdischen Flüchtlinge unter großen Schwierigkeiten. Viele arabische Staaten hielten palästinensische Flüchtlinge dagegen bewusst in einem ungelösten Zustand und nutzten ihr Leid als politische Waffe gegen Israel.
Die historische Debatte über die Nakba
Die Frage, wie viele Araber freiwillig flohen, wie viele aus Angst flohen und wie viele durch Gewalt vertrieben wurden, bleibt bis heute umstritten. Seriöse Geschichtsschreibung muss hier differenzieren. Eine pauschale Darstellung, nach der alle Palästinenser freiwillig gingen, ist ebenso zu einfach wie die Behauptung, Israel habe von Anfang an eine vollständige ethnische Säuberung geplant.
Es gab verschiedene Ursachen: Krieg, Angst, lokale Vertreibungen, arabische Aufrufe zur Evakuierung, Zusammenbruch arabischer Strukturen, Gerüchte, militärische Kämpfe und tatsächliche Gewalt. Die Nakba war also nicht ein einzelner geplanter Akt, sondern das Ergebnis eines Krieges und seiner Folgen.
Eine geplante ethnische Säuberung seitens der israelischen Regierung, wie sie heute oft behauptet wird, ist historisch nicht belegt. Dies wird auch dadurch gestützt, dass rund 150.000 Araber in Israel blieben. Heute machen arabische Israelis etwa ein Fünftel der israelischen Bevölkerung aus. Sie besitzen die israelische Staatsbürgerschaft, wählen, sitzen in der Knesset, arbeiten als Ärzte, Richter, Professoren, Unternehmer und Soldaten. Das bedeutet nicht, dass es keine Spannungen, Diskriminierung oder politische Konflikte gibt. Aber es widerspricht der Behauptung, Israel sei von Anfang an darauf aus gewesen, alle Araber restlos aus dem Land zu entfernen.
Gleichzeitig muss festgehalten werden: Das Leid der arabischen Palästinenser war real. Familien verloren Häuser, Dörfer wurden zerstört, Menschen wurden entwurzelt. Wer historisch sauber argumentieren will, sollte dieses Leid nicht kleinreden. Aber Leid allein erklärt noch nicht die Schuldfrage. Die entscheidende historische Frage lautet: Wie kam es zu dieser Katastrophe? Und hier führt kein Weg an der Tatsache vorbei, dass die arabische Seite den UN-Teilungsplan ablehnte und den Krieg gegen den entstehenden Staat Israel begann.
Fazit: Die Nakba in der historischen Perspektive
Die Nakba war eine Folge des Unabhängigkeitskriegs von 1948, bei dem die arabischen Armeen Israel angriffen und verloren. Sie war keine von Anfang an geplante ethnische Säuberung der israelischen Regierung, auch wenn es während des Krieges zu Gewalt, Vertreibungen und schweren Verbrechen kam. Der Mythos einer einheitlich geplanten systematischen Vertreibung aller Araber entspricht nicht den historischen Fakten.
Die Ereignisse von 1948 müssen im Kontext der komplexen politischen, militärischen und gesellschaftlichen Lage betrachtet werden. Dazu gehören die jüdische Rückkehr nach Zion, die UN-Resolution 181, die arabische Ablehnung des Teilungsplans, der Angriffskrieg gegen Israel, die Flucht und Vertreibung vieler Araber, aber auch die fast zeitgleiche Vertreibung Hunderttausender Juden aus arabischen Ländern und dem Iran.
Die Geschichte der Nakba wird heute oft unvollständig erzählt. Wenn man über 1948 spricht, muss man beide Fluchtbewegungen betrachten. Auf der einen Seite standen rund 700.000 arabische Palästinenser, die flohen oder vertrieben wurden. Auf der anderen Seite standen etwa 850.000 bis 950.000 Juden aus arabischen Ländern und dem Iran, die unter Druck, Gewalt, Entrechtung und Enteignung ihre Heimat verlassen mussten.
Dass ihre Geschichte heute kaum vorkommt, liegt auch daran, dass Israel seine jüdischen Flüchtlinge integrierte und sie dadurch im internationalen Flüchtlingsdiskurs „unsichtbar“ wurden. Die arabischen Staaten dagegen hielten das palästinensische Flüchtlingsproblem über Generationen politisch offen. So wurde echtes menschliches Leid nicht gelöst, sondern als Waffe gegen Israel konserviert.
Wer wirklich Frieden sucht, darf Geschichte nicht einseitig erzählen. Er muss das Leid aller Betroffenen sehen, aber auch die historischen Ursachen ehrlich benennen. Die Nakba war nicht die Ursünde Israels. Sie war die tragische Folge eines Krieges, den Israel nicht begonnen hatte - und sie kann nicht verstanden werden, solange die jüdische Nakba verschwiegen wird.
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Gottes Segen Euch allen!
1. Thessalonicher 5,23
„Er selbst aber, der Gott des Friedens, heilige euch völlig; und vollständig möge euer Geist und Seele und Leib untadelig bewahrt werden bei der Ankunft unseres Herrn Jesus Christus!“
Amen und Amen
